Mahnwache für eine lebenswerte Zukunft – ohne Atom 11.Mai 2011, 18.30 Uhr – 19.00 Uhr in Senden, Marktplatz

Statement von Ulrich Hoffmann, KAB Präses in Senden

Die dreifache Katastrophe in Japan: Erdbeben, Tsunami und in Folge die nukleare Katastrophe von Fukushima – heute sind es genau zwei Monate her - haben einem ganzen Land und seinen Menschen unsägliches Leid gebracht.
Die KAB Senden und wir alle hier trauern mit den Opfern und rufen zur tätigen Solidarität mit den unmittelbar Notleidenden sowie den HelferInnen auf, die verzweifelt versuchen, das Ausmaß der Katastrophe zu begrenzen.
Fukushima ist überall
Das Desaster im Atomkraftwerk von Fukushima zeigt, dass die Risiken der Atomtechnik unbeherrschbar sind. Fukushima steht für eine insgesamt katastrophale Entwicklung eines globalisierten Industrialismus und Turbokapitalismus, den die Politik vorangetrieben hat und der zunehmend weltweit Krisen und Katastrophen erzeugt.

Die Bilder aus Fukushima sind schon nahezu aus den Nachrichten verschwunden – ist das Absicht?
Sollen wir die Bilder aus Fukushima möglichst schnell vergessen, nicht mehr daran denken an die jahrzehntelangen Missstände, an die sich so viele gewöhnt haben?
-    etwa dass alle Atomkraftwerke ohne Entsorgung laufen.
- dass es für den über eine Million Jahre sicher einzuschließenden Atommüll kein Endlager gibt – geschweige denn ein für eine Million Jahre sicheres.
-    Oder dass das Schadensrisiko auch der deutschen Kernkraftwerke ist so groß, dass kein einziges AKW in Deutschland eine risikogerechte Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat.

Vor unserer Haustüre läuft in Gundremmingen das größte Atomkraftwerk unseres Landes. Es besteht aus den zwei letzten in Deutschland betriebenen Siedewasserreaktoren. Dieser auch in Fukushima gebaute Typ hat nur einen Hauptkreislauf. Das gefährliche Abklingbecken ist außerhalb des Sicherheitsbehälters. Bayerns Regierung hat dem AKW 1994 sogar erlaubt, das bis zu 300 der insgesamt 784 Spaltelemente („Brennelemente“) eines Reaktors vom besonders plutoniumhaltigen MOX-Typ sein dürfen.
Das war bei Siedewasserreaktoren eine Weltpremiere. Gundremmingen ist jetzt zudem der letzte Standort in Deutschland, an dem gar zwei Atommeiler laufen.
Seit dem Jahr 2006 wird in Gundremmingen auch noch Castor für Castor Deutschlands größtes Atommüll-Lager aufgebaut. Ende 2010 standen dort 31 Castoren. In jedem einzelnen etwa so viel langdauernde Radioaktivität, wie in Tschernobyl insgesamt frei gesetzt wurde.

Sollen wir das vergessen und verdrängen?

Nein, das dürfen wir nicht – vielmehr gilt es die Zeichen der Zeit zu erkennen und das kann nur bedeuten: Energiewende jetzt!

Wir verstehen die wachsende gesellschaftliche Bewegung gegen die weitere Nutzung der Kernenergie und für eine radikale Energiewende als „Zeichen der Zeit“ im Sinne des zweiten
vatikanischen Konzils.
Als Teil der Welt-Kirche erklärt sich die KAB mit allen Menschen solidarisch, sie ist in dieser Frage nicht neutral, sondern ergreift Partei und geht dabei auch Konflikte ein.
Die KAB hat sich bereits 1988 für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie ausgesprochen. Sie fordert mit Nachdruck den schnellstmöglichen und endgültigen Ausstieg aus der Nutzung der
Kernenergie.
 
Als KAB in Senden sind wir der Auffassung, dass der Betrieb von Atomkraftwerken mit wertkonservativen Haltungen unvereinbar ist wie z.B.
- dem Schutz des ungeborenen und geborenen Lebens,
- der Bewahrung der Schöpfung,
- dem Erhalt der Heimat,
- und dem Vorrang ideeller Werte vor dem reinen Profitdenken.
Wir werben für das Konzept der „drei E“: Einsparung, Effizienzsteigerung und erneuerbare Energien – diese drei Forderungen waren in den 80er und 90er Jahren oft genug Anlass zu Spott und Utopie-Vorwürfen. Dennoch wurde durch geduldige Aufklärungsarbeit und durch die Aktivität vieler Energiepioniere die Voraussetzungen für die heute mögliche Energiewende geschaffen. Ich denke dabei besonders an die beiden KAB-Mitglieder und Gründer der Elektrizitätswerke Schönau, das Ehepaar Sladek aus dem Schwarzwald. Seit über einem Vierteljahrhundert zeigen sie, dass alternative Wege in der Energieversorgung möglich sind.
Die Atomausstiegsdebatte nimmt derzeit meiner Meinung nach eine falsche Wendung: Alle starren derzeit auf drohende Preiserhöhungen - wie die Angsthasen auf die Schlange. Dabei ist eine dauerhafte Senkung der Energiekosten möglich, wenn jetzt rasch alle technisch verfügbaren Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung genutzt werden. Wir brauchen deshalb ein sofort wirksames Investitionsprogramm für die mittelständische Wirtschaft und für die Privathaushalte: Alleine die Modernisierung aller Umwälzpumpen an Heizungsanlagen oder bei der Fördertechnik auf den heute möglichen Standard würde einige Großkraftwerke schlicht überflüssig machen. In diesem Bereich liessen sich auch zahlreiche und nachhaltige Arbeitsplätze schaffen.
Wir sind mit maßgeblichen Wissenschaftlern wie Ernst-Ulrich v. Weizsäcker für Energiepreise, welche die volle Wahrheit sagen. Solche Energiepreise würden auch die bestehenden Effizienzpotentiale entfesseln und darüber zu insgesamt niedrigeren Energiekosten führen.
Wir sind zudem für eine absolute Beschränkung des CO2-Ausstoßes pro Kopf: Der Ausstieg aus der Atomkraft darf auf keinen Fall zu einer Verschärfung des Klimaproblems beitragen, indem einfach mehr fossile Energie genutzt wird. Es steht nichts weniger als die drastische Reduzierung des Gesamtenergiebedarfs an!
Effizienzsteigerung und Einsparung überflüssiger Verbräuche als Königsweg bei der Lösung des Energieproblem werden aber offensichtlich deshalb nicht forciert, weil die Energiekonzerne ein jährliches 212-Milliarden-Euro Geschäft mit Zähnen und Klauen verteidigen: Diese Summe gibt Deutschland nämlich Jahr für Jahr für Energie aus. Die Angstpropaganda von horrenden Strompreisen und von der angeblichen Notwendigkeit, 5000 km neue Stromleitungen zu bauen dient offensichtlich dazu, eine nötigere und sinnvollere Debatte über die drastische Senkung der Verbräuche zu verhindern. Dennoch heißt die Lösung: Radikal weniger Energie verbrauchen! Technisch ist dies möglich, ob es politisch-ökonomisch gewollt ist erscheint zumindest zweifelhaft.
Wir erwarten von der Bayerischen Staatsregierung ein anspruchsvolles Programm für die Effizienzsteigerung in den Kommunen: Wenn der Wettbewerb mit Baden-Württemberg um den schnellsten Ausstieg aus der Atomgefahr gelingen soll, dann muss jetzt eine Einsparungsoffensive gestartet werden. Ich bin gespannt, ob die Herren Seehofer, Söder und Zeil zu einem solchen Angriff auf das Milliardengeschäft der Stromkonzerne bereit sind.
Wir können umsteigen: Vor zwanzig Jahren haben wir in unserem Land 19 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien (EE) gewonnen. Fast ausschließlich die Wasserkraft deckte so 4 Prozent unseres Stromverbrauchs. Im Jahr 2010 haben wir mit zusätzlich Wind, Photovoltaik und Biomasse schon 102 Milliarden Kilowattstunden Strom aus EE gewonnen. So decken wir jetzt 20 % des Stromverbrauchs.
Im Jahr 2020 wollen und können wir 50 % unseres Strombedarfs aus EE erzeugen.
Wenn wir diese Quellen weiter ausbauen und zugleich den Strom effizienter nutzen, können wir ab dem Jahr 2030 uns zu annähernd 100 % aus EE versorgen.
So werden wir enkeltauglich

Und hier kommen wir selbst mit unserem Lebensstil ins Spiel:
* Wir können jetzt und heute schon ganz persönlich aus der Kernenergie aussteigen, wenn wir zu Stromanbietern wechseln, die ausschließlich auf erneuerbare Energien setzen.
* Wir können jetzt und heute schon mit einem energiebewussten Lebensstil beginnen und Energie sparen, in dem wir elektrische Geräte vom Netz nehmen, wenn wir sie nicht brauchen.
Denn: Die Energiewende gelingt nur durch neue Lebensstile und einen Zivilisationswandel.

Deshalb treten wir dafür ein:
1. Schaltet die Atomkraftwerke ab,
verabschiedet ein wirksames Energieeffizienzgesetz
baut die erneuerbaren Energien vernünftig aus!
2. Sucht in Deutschland nach wissenschaftlichen Kriterien und in demokratischer Transparenz ernsthaft den best geeigneten Ort für ein unterirdisches Endlager für den radioaktiven Müll
3. Und schließlich: Steigt endlich aus dem Euratom-Vertrag aus!
Denn es ist empörend, dass Deutschland als Mitglied des Euratomvertrages nach wie vor dafür eintreten muss, eine „mächtige Kernindustrie“ in Europa aufzubauen – so heißt es wörtlich in der Präambel des Vertrages! Dafür werden Jahr für Jahr hunderte Millionen Euro aus der Steuerkasse bezahlt. Wir stellen fest, dass viele Menschen von der Existenz dieses Vertrages nichts wissen, obwohl dieses Abkommen zu den Kernverträgen der EU gehört. Ich wünsche mir von der kritischen Presse, eine Aufklärung über diesen seit 1957 bestehenden Vertrag und seine Folgen.
Die von der ÖDP, der Ökologisch-Demokratischen Partei, initiierte Petition an den Bundestag, den Euratomvertrag zu kündigen, läuft noch bis Mitte Mai. Wir fordern alle Bürgerinnen und Bürger auf, diese Petition mitzuzeichnen – die Möglichkeit dazu gibt es gleich auch hier.
Gerne weise ich darauf hin, dass am 28.Mai in Ulm eine große Kundgebung gegen die weitere Nutzung der Kernenergie stattfindet. Die KAB in Senden wird auch am 11.Juni wiederum zur Mahnwache einladen. Dann wird das dreimonatige von der Bundesregierung ausgerufene Moratorium zu Ende gehen und wir werden sehen, in welche Richtung dann die energiepolitische Reise gehen soll.



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